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Cyperus 1901

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Kontakt: https://www.cyperus1901.de/


Der folgende Beitrag stammt aus dem Jahresbericht 2018/19 des AK Wiesbaden-Rheingau-Taunus der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V. (HGON) und wurde von Susanne Ewald verfasst.

Er zeichnet die Geschichte des Cyperus 1901 e.V. nach – von der Entstehung des Vereins bis zu aktuellen Ereignissen.


Cyperus 1901 e.V.

Verein für Aquarien- Terrarienkunde und Naturschutz.
Von Susanne Ewald

Inhaltsverzeichnis

  1. Gründung und erste Jahre
  2. Das Vereinsgelände
  3. Zwölf statt tausend Jahre
  4. Neuanfang und neuer Name
  5. Äußere Kämpfe
  6. Innere Kämpfe – Teilung des Grundstücks
  7. Zurück zum Thema …
  8. … und weiter zum großen Karl
  9. Aktuelle Gefährdung
  10. Cyperus 2020

Wer sich vorher bei Eingeweihten informiert hat, entdeckt zwischen Hessler Hof und Gewerbegebiet Petersweg ein Gittertor, dahinter eine Wiese und dichten Baumbestand. Besucher sind am Wochenende herzlich willkommen und wer sich entschließt, das Tor zu durchschreiten, findet sich scheinbar in einer anderen Welt wieder. Die Geräusche der Autobahn A671 nehmen hörbar ab – werden durch die hohen Bäume gedämpft und durch den Vogelgesang übertönt, und am Ende des Zuweges steht man in einer wilden Idylle zwischen alten Robinien, sprudelnden Quellen, mehreren Fischteichen und einer Pracht von Kräutern und Wildpflanzen, wie man sie vielleicht aus alten Bilderbüchern aus der Jahrhundertwende vom 19.-20. Jh. kennt.

Die „Wildnis“ ist jedoch nicht von allein entstanden, davon kann die Vereinsvorsitzende Irmi Jungels erzählen, gern auch bei einer Tasse Kaffee und selbstgebackenem Kuchen in dem Gartenhaus, das vor mehr als 70 Jahren gebaut wurde.

Gründung und erste Jahre

Der Cyperusverein für Aquarien- und Terrarienkunde war um 1901 von einigen Mainzer adeligen Herren um Friedrich Freiherr von Kittlitz gegründet worden. Naturforschung gehörte seit Alexander von Humboldts Reisen in unbekannte Weltgegenden zur höheren Bildung, fremde Tiere und Pflanzen wurden gezeigt, bewundert und untersucht. Die exotische Liebhaberei hielt Einzug in die heimische Villa: Salonaquarien mit Fischen und seltenen Reptilien wurden in der Diele aufgestellt, Vogelbälge für Salons und Museen präpariert, den Damen verehrte man seltene Federn für den Hut.

Naturforschung beschränkte sich nicht auf die Universitäten, sie wurde Thema von Herrenabenden und neu gegründeten Forschungsgesellschaften. Zu solchen Kreisen gehörten auch Heinrich von Kittlitz, der Vater des Vereinsgründers des „Cyperus“ und bekannter Ornithologe, und der Regierungsrat Wilhelm von Reichenau, Gründer des Naturhistorischen Museums Mainz und Präparator in der „Naturforschenden Gesellschaft“, der den Cyperusverein bei seinen öffentlichen Vorhaben unterstützte.

Abb. 1 Heinrich v. Kittlitz: Ornithologische Tagebuch, 1873, Stadtbibliothek Mainz.

Mit einer großen, erfolgreichen Aquarienausstellung in der Stadthalle am Rheinufer in Mainz 1905 beginnt die Geschichtsschreibung des Cyperus-Vereins, dessen Name auf das Cyperngras zurückgeht. Cyperus oder Zyperngras ist eine fast weltweit vorkommende, sehr variantenreiche Pflanzengattung, die sowohl unter Wasser, als auch in sumpfigem Boden an der Luft wächst und vielleicht wegen ihres kosmopolitischen Habitus zum Namensgeber wurde.

Abb. 2 Stadthalle Mainz, großer Saal, 1897, Wikipedia.

Die Naturforschung war aber zu dieser Zeit auch Hobby von weniger aristokratischen Kreisen. In populären Zeitschriften wie der „Gartenlaube“ wurden auch naturwissenschaftliche Themen behandelt, Pflanzen- und Tierforschung gehörte zur Volksbildung und das Interesse dehnte sich auch auf die weniger exotische, heimische Natur aus.

Der Cyperus-Verein, um 1910 noch immer von dem Adligen Wilhelm von Kittlitz geleitet, war zu einem geselligen Forschungs- und Naturbildungs- (Herren-) kreis aller Schichten gediehen, der ausdrücklich auch die Aufklärung und die Beseitigung von Aberglauben zum Zweck hatte. Es wurde in den wöchentlich in verschiedenen Mainzer Vereinslokalen stattfindenden Versammlungen über die heimische Fischzucht und über die neuesten technischen Erfindungen und Erfahrungen beim Bau und der Unterhaltung von Aquarien und Terrarien gesprochen. Es fanden regelmäßig Verlosungen von Tieren, Pflanzen und Fischfutter statt, aber auch die Geselligkeit wurde über die Jahre immer wichtiger: regelmäßig wurden Ausflüge, Fassnachts- und Weihnachtsfeiern mit den Familien organisiert.

Der einstige Männerverein hatte schon 1905 eine Frau als Mitglied: Fräulein Bender. Aus den Unterlagen ergibt sich, dass sie Lehrerin gewesen sein musste, und ihr ist es auch zu verdanken, dass sich der Verein weiter nach außen öffnete und Schulklassen und Jugendliche von der Naturliebe zu begeistern suchte. Eine erste Zäsur erlebte der Verein während des Ersten Weltkrieges. Die letzte Vereinssitzung fand 1915 statt. Nicht alle Mitglieder kehrten heil aus den Kriegsgebieten zurück. Erst 1919 durften wieder Zusammenkünfte stattfinden, unter der ausdrücklichen Auflage, dass nur wissenschaftliche Dinge behandelt werden.

Das Vereinsgelände

Nach dem Ersten Weltkrieg war der Verein verstärkt auf der Suche nach Teichen, aus denen Fischfutter gewonnen werden sollte. 1923 wurde der Postbote Martin Petri, damals eines der jüngeren Mitglieder des Cyperusvereins, auf einen aufgelassenen Steinbruch aufmerksam.
Zu dieser Zeit war das Gelände – man kann es sich heute kaum vorstellen – im oberen Bereich völlig kahl. Der Abfluss aus drei natürlichen Quellen mit permanent 10°C Temperatur verlor sich in einem Sumpfgebiet am unteren Zwergweg. Das Gelände war damals gut mit der Straßenbahn über die Station „An der Gabelung“ erreichbar. Während der Verein noch unschlüssig war, stellte sich Petri schon vor, im oberen Teil Teiche anzulegen und brachte das Vorhaben auf eigene Faust voran.

Abb. 4 Vereinsheim und Teichanlage, 1927, Cyperus Archiv.

Nach einigen Verhandlungen konnte das große Landstück, auf dem sich heute der Tierpark, das Cyperusgelände und der Graben davor befinden, von der Stadt Mainz für 5 Goldmark im Jahr „zu dem Zweck, unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt zu schützen und zu pflegen… und für Schulen zugänglich zu machen“ gepachtet werden.

Abb. 5 Liegenschaftsplan der Freilandanlage, 1930, Cyperus Archiv.

Auf dem erst 5.000 und später einschließlich Sumpfgelände insgesamt knapp 23.000m2 großen Gelände entstand die Freilandanlage des Cyperusvereins. Es wurden Fischteiche auf verschiedenen Ebenen angelegt und Unmengen von Bäumchen für das Vogelschutzgehölz gekauft und gesetzt, darunter: 1000 Akazien, 500 Weißdorn, 100 Hainbuchen, 20 Ahorn, 20 Erlen, 100 Weihmutskiefern, Weißtannen und Fichten.

1928 wurde das erste Gartenhäuschen genehmigt und gebaut. Die Vereinszusammenkünfte fanden bis in die 50er Jahre des letzten Jh. vor allem in verschiedenen Vereinslokalen statt. Im Sommer fanden im Freiland bzw. in der Freiland (-anlage), wie es damals hieß, Familienfeste und natürlich ungezählte Arbeitseinsätze statt, die immer mehr helfende Hände brauchten, als zur Verfügung standen. Der Verein hatte in der Zwischenkriegszeit wechselnd ca. 20-60 Mitglieder, die unterschiedlich aktiv anpackten.

Doch die Mühe hat sich gelohnt: Das Gartenhäuschen wurde erweitert und 1932 ein Schauhaus für Aquarien und Terrarien angebaut, so konnten im Sommer auch Vereinstreffen in „der Freiland“ stattfinden. Erst Mitte des 20.Jh wurde die Anlage langsam zum eigentlichen Vereinsort.

Zwölf statt tausend Jahre

Auf Zeitungsausschnitten von 1934 erblicken wir eine sehr gepflegte Parklandschaft, Weiher mit vereinzelten Schilfstauden und Seerosen, in denen Forellen, Stichlinge, Goldorfen und Barsche gezüchtet wurden. Dazwischen verschlungene Wege und kleine Brücken mit Geländern aus kreuzverstrebtem Astwerk.

Abb. 6 Reizvolle Brücke in der Freilandanlage Cyperus, 1934, Cyperus Archiv.

Wilde Eidechsen wurden beobachtet. Ob sie aus der Wildnis oder Terrarien stammten, wird nicht mehr herauszufinden sein. Es wurden 45 Vogelarten gezählt: allein 10 Pärchen Nachtigallen, Pirol, Grasmücken und Gelbspötter und das damals schon seltene Blaukehlchen.

Abb. 7 Fischweiher im Cyperuspark, 1934, Cyperus Archiv.

Während die Vögel heute mit handelsüblichen Körnern gefüttert und Nistkästen aufgehängt werden, hängte man 1940 Saunäbel – kostenlose Reste aus der Fleischwirtschaft – in die Bäume, deren ungesalzenes Fett den Vögeln über die harten Winter half.

Aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 sind kaum Dokumente vorhanden. Man versuchte, durch Zusammenschluss mit anderen Vereinen im Raum Mainz/Wiesbaden die Bestrebungen der NS-Großverbände zur Assimilation der selbstständigen Vereine zu unterlaufen. 1942 wurde der Verlust der Vereinsbibliothek als Kriegsschaden gemeldet, erst in der Nachkriegszeit erhielt der Verein eine geringe Entschädigung dafür.

Neuanfang und neuer Name

Überhaupt spielten die Finanzen immer eine Rolle, man erhielt Zuschüsse für die Aufforstung von der Stadt Mainz und Zement zum Sonderpreis vom Nachbarn Dyckerhoff, der damals noch im Hessler Hof wohnte und Stadtverordneter war. Auch erhielt man die Erlaubnis, in Dyckerhoffs Teich Wasserflöhe zu fangen, dafür wurde Hermann Dyckerhoff im Cyperuspark die jagdliche „Raub- und Schadwildvertilgung“ und „im Winter der Abschuss einiger Karnickel“ gestattet, obwohl dort „einige Herren“ eigentlich die „restlose Schonung des Wildes befürworten“.

Bevor nach den Kriegszerstörungen das Anlegen und Pflegen von Aquarien und Terrarien weiterentwickelt werden konnte, musste der Lebensunterhalt gedeckt und die Aufgaben bewältigt werden, die quasi “vor der Tür“ lagen. Dazu gehörte auch das Rekultivieren der verwilderten Freilandanlage.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Rhein die Trennlinie zwischen den Besatzungsmächten, die Freilandanlage des eigentlich Mainzer Vereins gehörte (zusammen mit den AKK-Gemeinden) nun zur amerikanischen Besatzungszone.

Abb. 8 Rheinbrücke Mainz 1945, Bundesanstalt für Wasserbau Karlsruhe

Um von Mainz aus über die Rheinbrücke in die Freilandanlage zu kommen, benötigte man einen Passierschein. Die Diskussion, ob die rechtsrheinischen Mainzer Stadtteile wirklich zu Wiesbaden gehören, ist ja bis heute nicht abgeschlossen, manchmal konnte der Verein daraus Nutzen ziehen, indem beide Städte um Unterstützung angefragt wurden.

Das 1951 neu erbaute Vereinshaus wurde einer ausgebombten Familie zu Wohnzwecken zur Verfügung gestellt, die damit Wächterfunktion über die Anlage erhielt – was wohl auch dringend nötig war, zusätzlich musste das Gelände eingezäunt werden.

Wie oft in der Geschichte von Menschengemeinschaften, führten die äußeren Widrigkeiten dazu, dass sich die zuerst wenigen verbliebenen Mitglieder durch besondere Kraftanstrengung zusammenrauften.

Die mit dem Einsatz für die Freianlage einhergehenden Aufgaben wurden als Bedeutungsverschiebung erkannt: Der Verein änderte 1951 seinen Namen in „Cyperus Verein für Aquarien- und Terrarienkunde und Naturschutz“.

Äußere Kämpfe

1952 befand sich neben dem Cyperusgelände ein Schuttabladeplatz. Auch der Bereich des Sumpfgebietes, der heute unterhalb des Cyperusparks das unbegehbare Vogelschutzgehölz darstellt, sollte mit Schutt verfüllt werden.
Wegen eines Bombeneinschlags, der die wasserdichte Bodenschicht zerstört hatte, war der Teich im ehemaligen Sumpfgebiet trockengefallen. Die Stadt Wiesbaden konnte mithilfe des Naturhistorischen Museums Mainz davon überzeugt werden, den Kessel nicht mit Kriegsschutt zu verfüllen, damit er später wieder rekultiviert werden könne.

Abb. 9 Lageplanskizze der Freilandanlage mit Schuttplatz, Cyperus Archiv.

Die unmittelbare Nähe zu Dyckerhoff bestand nicht nur zu dessen damals noch von der Familie Dyckerhoff bewohnten Hesslerhof, sondern auch zu seinem Steinbruch, der sich naturgemäß ausbreiten musste, wenn ein Teil ausgebeutet war. So war in der 1950er Jahren eine Transportbahn durch das Cyperusgelände geplant, gegen die der Verein erfolgreich protestierte, und in den 1980er Jahren wurde von Dyckerhoff selbst eingeräumt, dass es wegen der Erweiterung des Steinbruchs ins Ostfeld hinein zum langsamen Versiegen der Quellen kommen würde.

Durch die persönliche Nachbarschaft konnte hier ein Kampf David gegen Goliath vermieden werden, man fand gemeinsam eine Lösung und einigte sich: Die Transportbahn wurde nicht gebaut, und statt der Quellen sollte dem Verein ein öffentlicher Trinkwasseranschluss zur Verfügung gestellt und ein Brunnen gebohrt werden. Dazu kam es jedoch nicht, weil das Ostfeld nicht so groß wie geplant ausgebeutet wurde, was betriebsinterne Gründe hatte. Ein Versiegen der Quellen hätte jedoch trotz Ersatz das Verschwinden des Biotops zur Folge gehabt, was den Cyperusmitgliedern vielleicht in dem Moment nicht so klar war, die Teiche hätten weder mittels Trinkwasseranschluss, noch aus einem Pump-Brunnen gespeist werden können.

Der Cyperusverein kämpfte im Bereich Naturschutz aber nicht nur für die eigene Sache. 1952 wurde vom Verein eine Protestaktion in der Presse gegen den Bau der geplanten A60 (damals B9) durch den Lennebergwald ins Leben gerufen. Leider führte die

Aktion nicht zum Erfolg: Die „7 Weiher“ von Uhlerborn bei Heidenheim liegen heute 150m von der Autobahn entfernt. Verschiedene Orchideenarten, Adonisröschen und Frauenenzian sind seitdem – wie öffentlich befürchtet – dort nicht mehr zu finden. Vor einigen Jahren sind die Teiche wieder freigelegt und schön saniert worden, der Autobahnlärm beeinträchtigt den Ort jedoch ebenso, wie die A671 die Besucher im Cyperuspark daran erinnert, dass man sich doch nicht im Paradies befindet.
Gegen diese Autobahn, die in den Sechzigerjahren vor seiner Tür geplant und gebaut wurde, hat der Cyperusverein jedoch nicht gekämpft – er war mit eigenen Problemen beschäftigt.

Abb. 10 ausgetrockneter Weiher bei Uhlerborn.
Innere Kämpfe – Teilung des Grundstücks

Die existenzielle Krise entstand Mitter der 50er Jahre aus einem inneren Zerwürfnis. Der Verein hatte mittlerweile 50-60 Mitglieder, und naturgemäß und mit wachsendem Wohlstand wurden die Interessen der einzelnen Mitglieder diverser.
Es begann mit der Haltung einiger Haustiere zur Versorgung der dort ansässigen Familie, 1964 wurde in der AKK-Heimat-Zeitung zum 40.Geburtstag des „Cyperus-Zoo“ gratuliert während der Wiesbadener Kurier zum selben Anlass berichtete, dass der Vereinsvorstand die Unterhaltung eines Zoos keinesfalls als Teil seines Vereinszweckes betrachtete.

Ein Mitglied („Der Tiehrhalter“) schaffte immer mehr und immer exotischere Tiere an (in den 1960er Jahren gab es einen Affenkäfig!), die naturgemäß Besucher – vor allem Familien mit Kindern – anzogen und die öffentliche Aufmerksamkeit erregten: Welcher kleine Industrievorort hatte schon einen eigenen Zoo?

Abb. 11 Zeitungsauschnitte 1964: Zoo oder kein Zoo, AKK-Heimat-Zeitung und Wiesbadener Kurier/Tagblatt, Cyperus Archiv.

Mit der Begeisterung für die Tiere konnte jedoch die artgerechte Haltung nicht schritthalten, und obwohl es verstärkt Zuschüsse von den AKK-Gemeinden gab, war ein Aquarien-, Terrarien- und Naturschutzverein nicht nur finanziell, sondern auch seinem Wesen nach mit Zootierhaltung überfordert.

Erst 1973, nachdem nach Jahren heftiger innerer Kämpfe die Stadt mit der Kündigung des Pachtvertrages für das gesamte Vereinsgrundstück gedroht hatte, einigte man sich gerichtlich auf die noch heute bestehende Ausgliederung des Tierparkvereins und Teilung des Cyperusgeländes und hat damit im letzten Moment die Weiterexistenz des Vereins gerettet.

Zurück zum Thema …

Nachdem endlich langsam Ruhe einziehen konnte, bekamen auch die Aquarien- und Terrarienthemen wieder Raum im Vereinsleben. In den 1970er Jahren hatte der Verein zeitweise ca. 100 Mitglieder.

Bei den zweiwöchentlich stattfindenden Versammlungen, die inzwischen wechselweise im Vereinslokal und in der Freilandanlage stattfanden und regelmäßig 20-40 Besucher hatten, ging es um Aquarienbau, Glasverklebung, Wasserchemie, um Lebens- und Zuchtverhalten der Tiere und um Fütterung. Neben den rein aquaristischen Themen gab es naturkundliche Reiseberichte, Vorträge über Aquarien und Terrarien in Museen und Naturparks und Sommerfeste, zu denen auch regelmäßig die Familienangehörigen und Freunde eingeladen waren.

Wir erinnern uns: eigentlich war die Freilandanlage Mittel zum Zweck, um kostenlos an gutes Fischfutter zu kommen. Lebendfutter ist ein wichtiges Thema: In der frühen Zeit des Cyperus-Vereins mangels Alternativen, später als Qualitätsmerkmal. So wurden z.B. im Frühjahr im Handel junge Prachtbarben gekauft, den Sommer über im Teich ausgesetzt oder im Schauhaus gehalten und mit Würmern aus der eigenen Kompostieranlage oder Wasserflöhen aus dem Dyckerhoffschen Teich gefüttert und im Herbst, wenn das Schauhaus geleert wurde, konnten bei der alljährlichen Fischbörse besonders schöne Exemplare weiterverkauft bzw. an Händler zurückverkauft werden.

Abb. 12 Fische, Histoire naturelle, poissons, Pellerin & Cie, Epinal, Coll. MIE, gemeinfrei.

Das neue Schauhaus (BJ 1966) mit seinen beeindruckenden Aquarien und Terrarien wurde jährlich von den Mitgliedern neu bestückt und gepflegt, es gab – und gibt – einen Schauhauswart, der die Verantwortung für die Pflege der Gesamtanlage und das wöchentliche Reinigen hat. Es ist eigentlich das Zentrum der Freilandanlage. Auch heute noch faszinieren die Axolotl und Eidechsen neben den Guppys, Skalaren und Scheibenputzerfischen die Besucher.
Wenn man bedenkt, dass es bis in die 1970er Jahre brauchte, bis endlich, nach 20jährigem Ringen ein Stromanschluss installiert werden konnte (an eine winterliche Heizanlage war allein wegen der Kosten nicht zu denken), kann man sich den Einsatz vorstellen, den die Mitglieder zu leisten hatten.
Die Freilandanlage des Cyperusvereins wurde von vielen auswärtigen Interessierten besucht und als beispielhaft gelobt.

… und weiter zum großen Karl

Das Pflegen der Freilandanlage – eigentlich ein großer Landschaftspark – erforderte einen ebenso permanent hohen zeitlichen Einsatz. Und so kam es, dass neben den Aquarien- und Terrarienfreunden auch immer mehr Menschen zum Verein kamen, die sich für Landschaftspflege, aber wenig oder gar nicht für Aquarien und Terrarien interessierten.

Abb. 13 Pflanzen des Karlsgartens – Pastinake, Pastinaca sativa, Jakob und Johann Georg Sturm, Wikipedia, gemeinfrei.

Seit der Jahrtausendwende gibt es verstärkt Interesse an heimischen Wildkräutern und jetzt auch an alten Obstsorten. So werden im Bereich zwischen den Teichen teils seltene feuchteliebende Pflanzen wie Gelbdolde, Brunnenkresse, Baldrian, Mädesüß, Wasserlilien und Seerosen angetroffen.

Alte Apfelsorten, Mispel, Speierling, Maulbeerbaum, Kornelkirschen und Sadebaum wachsen im höhergelegenen Bereich. Ein Geländeteil besteht aus essbaren Pflanzen (römischer Ampfer, Schlangenknöterich, Bachminze, Dost), im Eingangsbereich wird der Karlsgarten gepflegt, der die für Europa von Karl dem Großen als wesentlich erachtete Nutz- und Heilpflanzen enthält, darin wachsen z.B. Krapp (Färberröte) und Karde.

Es gibt ein bewundernswertes Gleichgewicht zwischen Naturpflege und Wildwuchs. Darin haben sich Wildtiere wie Bilche, Fledermäuse, die schwarze und grüne Ringelnatter, Libellen, Schmetterlinge und viele andere Insektenarten angesiedelt. Die hochgewachsenen Bäume spenden Schatten, aber auch Laub, so dass die Teiche regelmäßig gesäubert werden müssen, da sie sonst verschlammen.

Aktuelle Gefährdung

Eine Besonderheit, des Cyperusparks ist seine Lage zwischen Mülldeponie, Gewerbegebieten, Logistikzentrum und Autobahn. Und wegen dieser Lage ist das Biotop momentan am stärksten gefährdet. Im Laufe der Zeit wurde immer wieder versucht, das Gebiet unter Schutz stellen zu lassen. Seit 1962 ist es Teil des alle Freiflächen im Außenbereich Wiesbadens umfassenden Landschaftsschutzgebietes – ausgewiesen als Zone 2 Fläche, in der die verschiedenen Außenbereichsnutzungen und der Naturschutz gleichberechtigt nebeneinander stehen (in den ökologisch besonders bedeutsamen Zone 1 Flächen hat der Naturschutz gegenüber sonstigen Nutzungen, wie beispielsweise der Landwirtschaft, Freizeitaktivitäten oder Gartennutzungen eine höhere Priorität).

Angestrebt war für das Cyperusgelände und seine unmittelbare Umgebung der Status als Naturschutzgebiet oder zumindest der eines geschützten Biotops. Entsprechende Initiativen gibt es seit Anfang der 2000er Jahre, sie werden heute verstärkt fortgesetzt, seit der Strukturplan für die Stadt Wiesbaden mit der Entwicklung des Ostfelds ein riesiges neues Wohn- und Gewerbegebiet im Bereich des Cyperusgeländes vorsieht.

Abb. 14 Stadtteilentwicklung Ostfeld – Planausschnitt Hessler Hof / Tierpark / Cyperus, Planausschnitt Strukturplan, SEG.

Beim Ringen um die Belange des Klima-, Boden- und Naturschutzes ist der Verein heute einer der Hauptakteure. Ein solches Baugebiet direkt oberhalb der Quellen wäre nicht nur das Aus für eine klimagerechte Stadtpolitik, sondern auch das Aus für den Cyperuspark.
Erreicht wurde, dass der Cyperusverein für die Quellen seit 2018 (bis 2039) die Wasserrechte hat. Das bedeutet, dass die Wasserqualität- und Quantität nicht z.B. durch Baumaßnahmen beeinträchtigt werden darf.

Abb. 15 Teichlandschaft Cyperus, Susanne Ewald.
Cyperus 2020

Wenn man in diesem Jahr im Frühsommer durch die Schachtelhalmwälder am Teichrand des Cyperusparks spaziert und von der Hangkante auf das Tierparkgelände blickt, kommt man sich wie in einem lebenden Naturhistorischen Museum vor, oben die Fische und Lurche, dazwischen die Vögel und Eidechsen und unten die Säugetiere. Alles in Klein und selbstgemacht bzw. selbstgepflegt, von Menschen, die, wie in jedem Verein, sich über gemeinsame Interessen zusammenfanden und sich dann außer mit dem Objekt ihres Interesses auch mit den Eigenheiten ihrer Vereinsfreunde zu befassen haben.

Die Koexistenz mit dem abgetrennten Tierparkteil fordert bis heute allen Beteiligten einiges an Kompromissen ab: Der Tierpark beschränkt sich nun seit den 1980er Jahren vor allem auf einheimische Tiere und ist mit seiner kostenlosen Besuchsmöglichkeit nach wie vor ein lokaler Anziehungspunkt für Familien mit Kindern aller Bevölkerungsschichten der Umgebung, während die Cyperianer oberhalb ihre Oase der (scheinbaren) Ruhe und Beschaulichkeit pflegen. Die Popularität des Tierparks nützt in der politischen Wahrnehmung auch dem eher introvertierten Cyperusverein, und dessen politische Aktivitäten schützen auch den Tierpark.

Abb. 16 Der Seerosenweiher am Vereinsheim Cyperus, Susanne Ewald.

Am Steilhang – in dessen Mauern im Sommer unzählige Eidechsen zu beobachten sind – gibt es einen Durchgang, der zu festen Zeiten geöffnet ist. Und gerade die Durchlässigkeit macht für Besucher den Ort am Stadtrand so besonders interessant. Mittlerweile ziehen die Vereine bei existenziellen Fragen und Fragen des Grenzgebietes an einem Strang.
So spazieren auch Familien mit kleinen Kindern zwischen den Teichen umher. Es finden Veranstaltungen zu essbaren Kräutern und Gesundheit statt, es gibt Führungen für Schul-, Kindergarten- und Seniorengruppen und frühmorgendliche Vogelstimmenführungen gemeinsam mit der HGON. 1934 wurde 45 Vogelarten im Park gezählt auch heute sind es noch über 40 Brutvogelarten. Das Blaukehlchen wurde seit Jahren dort nicht mehr beobachtet, aber Pirol und Nachtigall sind auch in diesem Jahr wieder da, und regelmäßig suchen Uhu und Turteltauben das Gelände auf.

In reger Zusammenarbeit mit den umliegenden Vereinen wird nicht nur gemeinsam über Naturthemen gesprochen, es finden auch Kulturveranstaltungen z.B. im Rahmen der AKK-Kulturtage statt.
Das Schauhaus mit Aquarien und Terrarien ist wieder regelmäßig über den Sommer zu besichtigen und sonntags ist weiterhin freier Eintritt für alle (außer in Coronazeiten).

Abb. 17 Tierpark Kastel im Winter, Entenweiher, Tierpark Kastel.

Wie hat es eine kleine Gruppe von Menschen geschafft, den Cyperusverein bis heute mit derzeit ca. 100 Mitgliedern am Leben zu erhalten?
Das soziale Gefüge eines fast 120 Jahre alten Vereins, der trotz aller internen Konflikte zwei Weltkriege überstanden hat, braucht die Initiative und Durchhaltekraft einiger Personen wie Irmi Jungels, Dr. Pfluhme, der Familien, Heinacker, Fritzlen, Heinz, Feldmann, Kestel, Tuch, Seum, Petry, von Kittlitz und noch vieler weiterer, die ihr Alltagsleben mit dem Ort und der Idee verbunden haben. Aber auch die vielen, die eine Zeit lang Hand angelegt oder tatkräftig ihr Interesse bezeugt haben.

Es gab über die gesamte Existenz des Vereins Zeiten, in denen mangels Mitgliederinitiative Ausstellungen abgesagt oder die Eröffnung des Geländes verschoben werden mussten. Trotz beinahe permanenter Werbung für jüngere Mitglieder ist eine Jugendabteilung nie entstanden. Es dominierten über die gesamte Zeit die älteren und mittleren Jahrgänge, die wohl auch aufgrund ihrer Lebenssituation die nötige Muße für einen solchen Verein aufbringen können.

Wesentlich ist das gemeinsame Interesse für Eine Sache – die forschende und pflegende Beziehung zu Tieren und Pflanzen, die insofern besonders ist, als dass sie viel zurückgibt. Der Blick in die Augen einer Eidechse, die buntschillernden Fische, der morgendliche Gesang der Mönchsgrasmücke machen nicht nur glücklich, sondern auch soziale Unterschiede unwichtig. So wurde der Verein lange von einem Freiherren geleitet; Forscher, Biologen, Gärtner, Schlosser, Lehrer und nicht zuletzt die Verurteilten, die hier ihre Sozialstunden ableisten, verbindet der Verein miteinander. Und der Park als kleines Paradies hat nichts von seinem Charme verloren, der vor 90 Jahren gepriesen wurde, im Gegenteil, er ist noch reicher geworden. Vergleicht man die Bilder, könnte man denken, hier sei seit einem Jahrhundert nichts passiert.

Das Gegenteil ist aber der Fall. Hier hat sich – wie überall – Weltgeschichte abgespielt, doch in Verbindung mit dem Ort haben sich immer wieder Menschen gefunden, die auf Ihre Weise mit Ausdauer und Widerstandskraft das Paradies geschaffen haben – immer auf der Grenze zwischen Zuviel und Zuwenig, zwischen Mainz und Wiesbaden, und immer als freiwilliger Zusammenschluss von unterschiedlichsten Menschen mit gemeinsamen Interesse.

Abb. 18 Das alte Vereinshaus, Cyperusgelände, Stefan Büchel.

Abbildungsnachweis Cyperus 1901 e.V.:
Abb.1 Stadtbibliothek Mainz, Abb.2 Wikipedia, Abb.3 – 7 Cyperus Archiv, Abb.8 Bundesanstalt für Wasserbau Karlsruhe, Abb.9 Cyperus Archiv, Abb.10 Foto: n.n., Abb.11 AKK-Heimat-Zeitung und Wiesbadener Kurier/Tagblatt, Cyperus Archiv, Abb.12 Histoire naturelle, poissons, Pellerin & Cie, Epinal, Coll. MIE, gemeinfrei, Abb.13 Pastinaca sativa, Jakob und Johann Georg Sturm, Wikipediea, gemeinfrei, Abb.14 Planausschnitt Strukturplan, SEG, Abb.15 –16 Fotos: Susanne Ewald, Abb.17 Foto: Tierpark Kastell, Abb.18 Foto: Stefan Büchel